Neues Buch: Die Kultivierung des Widerspruchs

Nahezu unbemerkt, jedenfalls ohne nennenswerten Protest seitens vieler Wissenschaften, können wir zu Beginn des dritten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts Zeitzeug*innen einer terminologischen Kaperung sein, die nicht mehr nur besorgniserregend ist. Sie ist ein Fiasko, denn sie entwaffnet die Wissenschaft und stellt sie der Willkür anheim. Im Namen von ›Vernunft‹ und ›Aufklärung‹ werden ›Skepsis‹ wie ›Kritik‹ und ›Mündigkeit‹ ihrer begrifflichen Grundfeste beraubt und in den Dienst reaktionärer, zunehmend gar offenkundig faschistischer Politiken gestellt. In Anrufung des cartesianischen Zweifels erklären sie zu Meinungsfragen, was nach begründetem Wissen verlangt. Sie nennen dies ›querdenken‹ und transportieren darin nur die eigene Unfähigkeit, einen geraden Gedanken fassen zu können.

Indes: Meinungsfragen adressieren Glauben, nicht wissenschaftlich begründetes Wissen. Und der Umstand, dass nun die COVID-19-Pandemie die Ungewissheit, die unser Leben betrifft, mitunter schmerzlich zu Bewusstsein geholt und unterstrichen hat, dass vieles nicht mit Gewissheit gesagt werden kann, bedeutet eben nicht, dass es kein hinreichend gesichertes Wissen zu den Zusammenhängen der Gegenwart gäbe. Wissen und Gewissheit – welche Anmaßung gegen die Kultur der einfachen Antworten! – sind sauber zu unterscheiden.

Diese Unterscheidung insistiert darauf, dass die Klimakrise nicht zu einer Meinungsfrage gemacht werden kann – zumindest nicht im Rahmen von Verhältnissen, in denen das Geben von Gründen ein fundamentaler Aspekt wissenschaftlicher Erkenntnis ist. Vernichtete Tierarten wie Pflanzensorten, Kriegs- wie Klimaflüchtlinge, Flächenfraß, Lärm und Lichtverschmutzung, Degradation, Armut, Krankheit oder imperiale Praxis – zu all diesen Befunden, die einseitige Loblieder auf Fortschritt und Wohlstand Lügen strafen, kann man gewiss diese oder jene Meinung haben. Damit sagt man gleichwohl nicht unbedingt etwas über die Phänomene, ihre Ursachen oder Bewältigungsstrategien, sondern in erster Linie etwa über sich selbst. Wir wären gut beraten, so scheint es mir, die Dinge selbst wieder stärker zu ihrem Recht kommen zu lassen. Die Depravationen der Gegenwart bleiben jedenfalls evident und zerstörerisch auch dann, wenn wir die Augen vor ihnen verschließen, sie nicht wahrhaben wollen, uns fürchten oder was auch immer.

Es markiert eine der wohl folgenschwersten Depravationen der sich selbst als Wissens- und Bildungsgesellschaft bloß gerierenden Kreise, über nahezu keine oder zumindest nicht hinreichende Befähigungen zu verfügen, mit den Ambivalenzen inhärent unsicherer Verhältnisse souverän und solidarisch umgehen zu können. Ausgrenzung, Hass und Gewalt sind die Folge. Wissenschaftlich begründetes Wissen – das belegt die Klimakrise genauso wie die COVID-19-Pandemie – war vielleicht noch nie so wichtig für die Selbstinstituierung demokratischer Gesellschaften wie zu dieser Zeit, in der soziale und ökologische Krisen exponentiell eskalieren und an Kipppunkte zu geraten drohen. Und doch unterscheiden sich beide Gesellschaftskrisen in der Rigorosität des politischen Vorgehens auf nahezu dramatische Art und Weise: während seit nunmehr einem halben Jahrhundert die sozialökologischen Warnungen und Gestaltungshinweise kleingeredet, verharmlost oder dethematisiert wurden, werden Virolog*innen und Epidemiolog*innen in der öffentlichen Debatte behandelt wie dereinst die Popstars. Inmitten dieser Konstellation entsteht eine gefährliche Grenzziehung zwischen denen, die sich die Welt ›wahrlügen‹ (Hannah Arendt), und jenen, die hinter den überwunden geglaubten Positivismus vergangener Tage zurückfallen.

Statt entweder an jeder Ecke des gesellschaftlichen Lebens eine Verschwörung zu behaupten oder die eindeutige Beantwortung der drängenden Fragen als Letztbegründung in Prospekt zu stellen, setzt eine sowohl souveräne wie solidarische Lebensführung heute voraus, die Wahrnehmung für die Widersprüchlichkeiten zu verfeinern und kulturelle Kompetenzen zu entwickeln, mit ihnen reflektiert umgehen zu können. Nichts zwischen Himmel und Erde ist pur, und Widerspruch braucht mehr als ein Dagegen. Die Existenz des gesellschaftlichen Zusammenlebens, das mehr ist als die Summe individueller Lebensführungen, ist gebunden an die Gestalt, in der es sich realisiert. Die Gestaltung der Gesellschaft ist ein Vorgang, der unentwegt stattfindet. Wir müssen das Normale wieder seltsam finden lernen, das Skurrile, Chaotische, Paradoxe und auch Problematische im Normalen zur Sprache bringen lernen, die alltägliche Ungerechtigkeit kundtun, um in einen reflexiven Modus gesellschaftlicher Selbstgestaltung gelangen zu können.

Es geht um die Kultivierung einer reflexiven, einer fragenden Haltung in Bezug auf die Widersprüchlichkeiten der Welt. Dass Wissenschaft in diesem Zusammenhang Verantwortung trägt, im Zweifel widerspricht, bedeutet für sie, Tätigsein und Reflexion aufeinander zu beziehen. Diese wechselseitige Balance nenne ich die Kultivierung des Widerspruchs.

Mit diesen Zeilen eröffnet mein neues Buch, das dieser Tage bei metropolis erschienen ist. Es versammelt verschiedentliche Aufsätze und Texte, die in der letzten Zeit entstanden sind. Weil auch im Rahmen der Ideologie fragmentierter Wissenschaft beisammen sein sollte, was zusammen gehört, waren zwei Buchdeckel ein naheliegender Schritt.